22. - 24.09.2006 GR-Patras - Artfacory, Europe @ Patras Festival

Wir fuhren im Bus durch Griechenland.
Nein, wir wurden gefahren!
Und es hatte alles geklappt wie am Schnürchen, keine verlorenen/vergessenen/geklauten Pässe, kein Stress wegen der Gitarren, die im Handgepäck mit sollten, schnell noch mal durchzählen, ob alle da sind: 1, 2, … oh, das wars schon? Ach nein, die zwei Lernies Julia und Kadda auf der hinteren Bank waren nur mal wieder so vertieft in ihre Lektüren und Skripte. Das kommt davon, wenn man Vordiplom und Zwischenprüfung macht…

Unser Fahrer trug eine große Sonnenbrille und konnte weder Deutsch noch Englisch. Er hörte traditionelle griechische Musik und fuhr mit Dauerblinker links mit 160 Sachen über die Autobahn am Meer entlang Richtung Patras. Katarina, die Frau, die uns am Flughafen in Athen empfangen hat, sagte er würde "Stop please" verstehen, falls wir aufs Klo müssten, und er würde uns in wahrscheinlich weniger als drei Stunden nach Patras bringen. Daran zweifelte keiner.

Sophie und ich hatten uns am Flughafen mit Zeitungen eingedeckt und waren schon seit unserem Start in Frankfurt dabei unsere politische Bildung mal wieder ein bisschen auf Vordermann zu bringen.
Als sich die Autobahn zu einer einspurigen Landstraße verkleinerte las ich schon lange nicht mehr. Holprige Straßen und Zeitunglesen waren einfach keine gute Mischung für meinen Magen. Sophie und die beiden Lernkandidaten schliefen und ich fragte mich, wie das Meer von einer auf die andere Minute von der linken auf die rechte Seite gekommen war, ohne dass wir die Richtung geändert hatten. Und dann schlief ich auch und bekam fast nicht mit, dass die Griechen es mit einspurigen Straßen wohl nicht allzu genau nehmen.

Im Hotel wurden die Zimmer nach lernen oder nicht lernen vergeben, Sophie und ich zogen dabei eindeutig den Kürzeren, da das Lernzimmer Meerblick hatte. Sei es ihnen gegönnt, denn natürlich verbrachten die Lernenden auch mehr Zeit in ihrem Zimmer, in Kaddas Fall sogar die ganze Zeit ausgenommen der Essenszeiten, unseres Soundchecks und Auftritts! Wie viel sie dabei aber auf dem Balkon war oder aus dem Fenster schaute, habe ich sie nicht gefragt…
Insgesamt war die ganze Zeit dort vom Lernen sehr beeinflusst, so dass Sophie und ich oft zu zweit unterwegs waren und es gar nicht dieses typische mit Velvet June unterwegs-Gefühl gab. Julia war zumindest einmal mit mir im Pool und am Meer. Und Wizard gespielt haben wir nur einmal ein paar Runden, und das war noch in Frankfurt am Flughafen. Also war es wahrlich nicht das typische Velvet June Tour-Gefühl.

Das Mittagessen bestand aus Salat, Reis und einem Spinatauflauf (beruhigenderweise hatte ich gerade in der Zeitung einen Bericht über kalifornischen Spinat gelesen, der mit einem bestimmten Bakterium infiziert war und vielen Leuten eine Lebensmittelvergiftung und manchen sogar den Tod gebracht hatte). Daneben lag noch eine furchteinflößend große Hühnchenkeule, die natürlich von uns drei Vegetariern verschmäht wurde.
Dann gingen Sophie und ich in die Stadt und für die anderen beiden hieß es wie so oft ganz à la Helge Schneider lernenlernenlernenpopernen.

Beim Abendessen trafen wir die altbekannten Jungs von Einshoch6, die an diesem Abend auf dem Festival spielten, und die erste Bands des Abends Tee mit Sahne.
Mit unvelvetjuniger Verspätung kamen wir (ohne unsere Perle, die sich wieder zum Lernen in ihr Hotelzimmer verkrochen hatte) bei unserem Techniktreffen in der Art Factory an und waren begeistert von der Location. Es war ein Saal wie in einem Theater mit Sitzreihen, die nach hinten anstiegen, die Bühne war schön geräumig und wir fanden, dass alles sehr stilvoll war und zu uns passte.
Nach den Absprachen für unser Konzert am folgenden Abend begaben wir uns in den Zuschauerraum und sahen und hörten die Konzerte der anderen. Sophie zeigte sich sehr beeindruckt von den Beatboxkünsten von Kurt und war fest entschlossen, das auch zu lernen. Sie kündigte mir schon an, dass sie diese Nacht nicht schlafen wollte, sondern stattdessen lieber Beatbox üben wollte. Das konnte ja eine Nacht werden, dachte ich mir, und entschied, dass es wohl noch am angenehmsten für mich wäre, wenn ich die Nacht über auch Beatbox lernen würde. Doch nach dem Dachterassengelage mit den anderen Bands war auch Sophie zu müde dafür und schlief sofort ein.

Da Hotelfrühstück bekanntermaßen sehr umfangreich und lecker ist, hatten wir uns den Wecker gestellt um es nicht zu verschlafen. Ich konnte Julia danach dazu bewegen mit mir ein Intenetcafé aufzusuchen, Sophie war immer noch müde und legte sich gleich wieder schlafen (vielleicht hatte sie nachts doch heimlich im Bad oder auf dem Balkon Beatbox geübt...) und Kadda muss nicht erwähnt werden.

Mittags hatten wir Soundcheck, der bis auf den Gitarrenverstärker sehr zufrieden stellend verlief. Dieser hatte nämlich erst keinen Fußschalter, dann konnten die Techniker doch einen auftreiben, doch dieser war kaputt. Als wir weitestgehend soweit waren, nahmen sich die Techniker den Verstärker mal vor, zerlegten ihn in alle Einzelteile, schraubten und löteten eine Menge an ihm herum und kamen schlussendlich zu dem Ergebnis, dass es immer noch nicht funktionierte. Das war aber nur halb so schlimm, da einer der Techniker mir einen zweiten Verzerrer auslieh, der den fehlenden Kanal ersetzte.

Da wir das Mittagessen verpasst hatten, testeten wir mal das Burgerrestaurant gegenüber unseres Hotels und gleich danach den Pool auf der Dachterasse. Alter Vater, das war ein Leben! Und wenn ich nicht hier bin, bin ich aufm Sonnendeck… Ab gings eine Etage höher aufs Sonnendeck! …oder im Aquarium… Und wieder in den Pool! Und das mit so einer Aussicht!
Um das Meer mal nicht nur von oben aus zu sehen, flanierte ich dann noch am Hafen bis zu einer sehr schönen Uferpromenade entlang.
Die arme Kadda wusste nicht, was ihr entging, saß lernend auf ihrem Bett und war sehr fleißig. Pünktlich zur Abendessenszeit holten wir sie - klopfklopf - in ihrem Zimmer ab. Beim Essen verwirrten wir den Kellner vollends, der sich gemerkt hatte, dass wir drei Vegetarier waren, wir jedoch nur mal zwei mal vegetarisch bestellten, da Sophie nichts essen wollte. Kadda fand dann das zuerst servierte vegetarische Menü sehr ansprechend und hätte auch am liebsten vegetarisches Essen gehabt, probierte mal hier und da, Sophie wollte dann doch auch mal kosten und das artete schließlich in eine wilde Tellertauscherei aus, so dass der Kellner irgendwann gar nicht mehr wusste, wo er den nächsten Gang platzieren sollte.
Draußen hatte es inzwischen angefangen zu gewittern und wir erinnerten uns an unseren letzen Griechenlandaufenthalt, wo wegen des anscheinend nicht sehr ausgeklügelten Abwassersystems nach dem Regen das Wasser kniehoch in den Straßen stand. Diesmal blitzte es zwar gewaltig, aber überflutet war zum Glück nichts. Und als wir raus gingen und auf das Taxi warteten regnete es schon fast nicht mehr.

Diese Taxifahrt war dann noch eine Sache für sich, da der Fahrer (mal wieder) kaum Englisch verstand und von vornherein schon ziemlich gereizt war, so dass er uns gar nicht weiter erklären ließ, wohin wir denn wollten. Stattdessen steuerte mit einem selbst für Südeuropäer recht rasanten Fahrstil in die komplett falsche Richtung mitten in eine vom Stau verstopfte Straße. Nachdem er uns etwa eine Viertel Stunde lang so durch den Stau transportiert hatte und wir ihn mehrmals gefragt hatten, ob er denn wisse, wo wir hinwollten und ob er überhaupt Englisch verstünde (worauf er jedoch jedes Mal nur gereizt brummte) stoppte er an einem Platz, den er wohl für unser gewünschtes Ziel hielt. Was es natürlich nicht war. Das verstand er dann aber doch und war daraufhin nicht weniger gereizt. Er ließ mich aussteigen und den Kofferraum öffnen, wo in unserem Gepäck auch irgendwo die Adresse der Art Factory vergraben war. Als ich ihm die unter die Nase hielt, brummte er mal wieder nur gereizt und ich war diesmal zwar sicher, dass er verstanden hatte, nicht aber, ob er uns statt dorthin lieber die nächste Klippe ins Meer hinunterfahren würde. (Er tat es nicht.) Doch ein griechischer Taxifahrer wäre kein echter griechischer Taxifahrer, wenn er nicht darauf bestehen würde, dass sein Quittungsdrucker kaputt wäre, und er es nicht vehement ablehnen würde, den Stift, den man ihm reicht, anzunehmen und damit eine Quittung auf einen Zettel zu schreiben. (Falls das ein ungerechtes Vorurteil ist, dann hoffe ich bald einen zu treffen, der anders ist und mich eines besseren belehrt!) So jedenfalls drückte ich auch ihm nach einer sinnlosen Diskussion, da man sich gegenseitig sowieso nicht verstand, in meinem Kopf den Stempel "typischer gereizter griechischer Taxifahrer" auf die Stirn und legte ihn in die zugehörige Schublade ab. Vor unserem Konzert hätte eigentlich draußen ein Film gezeigt werden sollen. Wir dachten erst, dass dieser ganz ausgefallen wäre und hatten schon Bedenken, dass nur wenige Leute zu unserem Konzert kommen würden, aber vor der Bühne war eine Kinoleinwand aufgebaut und der Saal war gut gefüllt.

Wir hatten zwei Garderoben. Und nicht nur, dass es zwei waren, es waren auch keine üblichen miefigen Backstageräume mit einem siffigen Sofa und, wenn man Glück hat, einem gefüllten Kühlschrank, sondern viel mehr großzügige Räume, jeder mit eigenem Bad mit Dusche und riesigen Theaterspiegeln!
Passend zu solchen Luxusgarderoben waren die ganzen Mitarbeiter sehr bemüht und machten uns Snacks und Getränke.
Angesichts des außergewöhnlichen Clubs waren wir relativ aufgeregt, freuten uns aber auch sehr auf den Auftritt. Wir spielten unser komplettes Programm, testeten auch einen ganz neuen Song. Das Publikum war kaum zu sehen, was ich immer schade finde, weil man dann so wenig von seinen Reaktionen mitbekommt. Der Applaus war aber immer überzeugend und trieb die Stimmung an. Nach fast 90 Minuten beendeten wir das bisher längste Velvet June Konzert mit "Tiny Angel" und einer tiefen Verbeugung und während wir abbauten stürzten sich Kadda und der Merch-Koffer geschäftstüchtig nach draußen. Dort stießen wir dann nach kurzer Zeit zu ihr und unterhielten uns noch so lange mit Zuschauern bis der dreifache Gong den Beginn der nächsten Filmvorführung ankündigte und sich alles wieder auf seinen Platz begab.

Wir waren inzwischen ein wenig erschöpft, packten unsere Koffer, ließen uns ein Taxi rufen und zum Hotel zurück bringen, wo wir noch einmal die Dachterasse aufsuchten. Mittags hatten wir uns nämlich noch einen Wein gekauft, den es zu trinken galt.
Doch vorm Trinken will so ein Wein erst mal geöffnet werden. Wir dachten wir wären mit unserem Allzweck-Taschenmesser im Merch-Koffer gut ausgerüstet, aber das denkt man auch nur bis zu dem Punkt im Leben, wo man mit ihm einen Korken aus einer Weinflasche ziehen will. Denn da ist doch tatsächlich kein Korkenzieher dran! Eine Nagelfeile, ein Flaschenöffner, eine Ahle, Messer und Schraubenzieher in allen Großen und Formen, eine Kombizange und wahrscheinlich sogar eine beleuchtete Lupe oder ein verchromter Einkaufswagen-Chip, aber kein Korkenzieher! Pah!
Wir entschieden uns für Ausweichmöglichkeit Nummer zwei: Korkenreindrücken. Nummer eins wäre Kopfabschlagen gewesen, wurde von uns jedoch als Spritz- und Verletzungsgefährdetere Variante angesehen. Nummer zwei hinterließ dann zwar auch ein paar Flecken auf Julias Hose, führte jedoch zum unverletzten Erfolg. Geschmeckt hat der Wein aber trotzdem nicht.

Am nächsten Morgen checkten wir nach dem Frühstück aus und lungerten so lange in der Hotellobby herum bis unser Fahrer kam, um uns zum Flughafen zurückzubringen. Ich spazierte erst mit Julia in die mir bis dahin noch unbekannte Richtung am Meer entlang. Da ging es am Fährenhafen vorbei zum Yachthafen und schließlich zum Strand. Später tauschte ich am Hotel Julia, die wieder lernen wollte, gegen Sophie ein und spazierte mit ihr noch mal in die andere Richtung zur Promenade.
Für unser stressig-spießig-deutsches Zeitmanagement schon fast zu spät kam dann um zwei Uhr unser Fahrer im Hotel an. Aber eigentlich war das kein Stück zu spät, sondern genau richtig, denn sonst hätten wir wieder Ewigkeiten am Flughafen verbringen müssen, sprich im Fastfood Restaurant, das wir alle lieben (hüstel-ehem-hüstel-hüstel), denn wie wir noch von unserer letzten Griechenlandtour wussten, gibt es am Athener Flughafen nichts anderes, wo man sich hinsetzen kann…
Die Frau am Check-in wollte uns mit unseren Gitarrenkoffern zunächst zum Sondergepäckschalter schicken und als wir ihr sagten, dass wir sie sonst auch immer als Handgepäck mitnehmen konnten, wurde sie ganz blass und stammelte etwas davon, dass man aber doch keine Schusswaffen mit in den Passagierraum nehmen dürfe. Wir haben uns bei dem Gedanken, dass wir vier Scharfschützen auf Auslandslehrgang oder von der Mafia wären, ein bisschen totgelacht, sie sich dann auch, und so endete unsere zweite Griechenland-Tour.

Gesagt sei noch, dass Kadda ihre Prüfung am nächsten Morgen mit einer 2 bestanden hat, das ganze Gelerne hatte sich also gelohnt!

Laura

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