03.07.2005 I-Neapel Nonsolorock Festival

"Where is God when it hurts?"

3.7.2005
Flieger Ffm/Hahn-Rom/Ciampino, 6:30 Uhr

Jetzt hat sie mich irgendwie doch gepackt, die Flugangst. Das flaue Gefühl im Magen tut sein übriges und dass wir nur zu dritt im Flugzeug sitzen ist auch nicht mein größter Wunsch. Aber pessimistisch bin ich nicht, nein, die viel zu kleine über und über mit Werbung bedruckte Kotztüte, die ich mir habe geben lassen, wird nicht benutzt, so viel steht fest! Und die gute Katha-Perle neben mir hat Julia schon davon überzeugt, dass noch alles gut wird. Sie wird es bei mir auch noch schaffen!
Die ganze Geschichte hat nicht gut angefangen: Kaum am Flughafen angekommen, stellten wir fest, dass Kajas Portemonnaie fehlt und somit auch ihr Pass, ohne den nichts geht, jedenfalls nichts in Richtung Italien. Wir hatten noch 40 Minuten Check-In-Zeit, viel zu wenig zum Umkehren und auch zu wenig um den Reisepass von Frankfurt nachbringen zu lassen. Diese Situation um 5 Uhr morgens auf leeren Magen und unausgeschlafenes Gemüt trübte die Stimmung ungemein... Nach dem ersten Gedanken, dass wir nun alle nicht fliegen können, einem schon bestellten und dann doch wieder abbestelltem Taxi und ein paar Tränen beschlossen wir, dass es wohl das beste wäre, wenn Kaja auf dem schnellsten Weg zum Frankfurter Flughafen führe, um dort zu versuchen rgendein Flugzeug nach Italien zu bekommen, wohin genau war erst mal zweitrangig. Wir anderen nahmen also die Ryanair-Maschine und hofften Kaja in Italien zu treffen. Wenn das alles klar geht wird - wie Kadda es prophezeit - alles gut werden, wenn nicht müssen wir wohl oder übel ohne Kaja spielen. Eine schwache Hoffnung habe ich noch. Oder wieder. Und schreiben hilft wie erhofft gegen diese fiese Flugangst. Nur schlafen wäre besser!

Zug Rom-Neapel, 11:30 Uhr

Fünf Stunden später jagt ein Ereignis das nächste und wir müssen aufpassen, nicht nach der nächsten schlechten Nachricht nicht die gute zu vergessen. Und die Lust auf Ereignisse generell ist uns längst vergangen. Das Beste, was passieren konnte ist: Kaja hat einen Flieger von Frankfurt direkt nach Neapel bekommen und kommt um 14:50 Uhr dort an! Juchuu! In dieser Hinsicht sind wir gerettet! Allerdings sind wir in Rom auf dem Weg vom Bus zum Zug Julias Portemonnaies und somit auch des, wie wir wissen für den Flug unentbehrlichen, Personalausweises beraubt worden, was uns eine neue ungewollte Herausforderung bietet: Wir müssen bis morgen Abend einen neuen Ausweis für sie auftreiben. Die Freude ist grenzenlos... Aber jetzt erst mal wieder einpacken (Portmonaies?) und raus aus dem Zug: Napoli Centrale!

4.7.2005
Rom, Piazzo Vittorio, 14:15 Uhr

Jetzt sind wir alle müüüüüüüüde! Wir sitzen bzw. liegen hier in einer Art Stadtpark unter einem grooooßen roten Tisch mit einem Stuhl und lassen die mittägliche Hitze über uns ergehen. Ein gutes Beispiel für den Grad unseres Erledigtseins ist die schlafende Katha, der ich unbemerkt ein sehr schönes Kugelschreiber-Tatoo auf den Rücken malen konnte.
Gestern hat im Grunde dann noch alles besser geklappt als erwartet. In Napoli wurden wir von Jens, einem Deutschen im Auslandssemester, vom Zug abgeholt. Wir waren so froh, dass wir jemanden hatten, der sich auskannte, mit dem es aber trotzdem keine Verständigungsprobleme gab!
Er hat uns erstmal beruhigt, weil wir wegen der Sache mit dem Portemonnaie-Raub noch ein wenig durch den Wind waren, und hat uns auf dem Weg in seine WG viel von Neapel gezeigt und erzählt. In der Wohnung angekommen konnten wir uns erst einmal ausruhen und uns stärken, wenn auch aus den geplanten Pasta mit Tomatensoße wegen Gasmangel nur ein Tomatensalat wurde. Lecker war's trotzdem und die äußerst geräumige Wohnung konnte man sich auch gefallen lassen.
Auf dem Weg zum Festival fuhren wir am Flughafen vorbei, sammelten dort Kaja ein, die sich gerade ein Schoggi-Frappe (wie der Schweizer zu sagen pflegt) bestellt hatte, das nun mit einem Sturz heruntergekippt werden musste, da Jens schon von allen Seiten angehupt wurde.
Ich genoss die Fahrt ins von Neapel 30 Kilometer entfernte Hinterland, wo das Festival stattfinden sollte. Da gab's sehr schöne Landschaften um uns herum, hinten im Auto schlief alles und Jens erzählte mir viel, so dass meine Trägheit nichts ausmachte.
Angekommen waren wir von der Kulisse des Festivals und auch nicht minder von der Müdigkeit überwältigt, schauten Yuppie Flu (Ich liebe Yuppie Flu!) beim Soundcheck zu, und chillten (oder vielmehr grillten) auf den Sonnenbeschienenen Stufen der Miniatur-Amphitheaters. Dann waren wir mit dem Soundcheck dran und wir merkten gleich, dass es gut werden würde. Fette Bühne, fetter Sound, fette Band! Und auch letzteres stimmte nach dem Abendessen wirklich, welches wir in einer kleinen Familienkneipe im äußerst kleinen Ort Rotondi zu uns nahmen, und das wir nach Antipasti und Pasta schon abbrachen, weil wir satt waren (eigentlich wäre noch der Hauptgang und eine Nachspeise gekommen...). Espresso, bzw. Schnaps runter und wieder zum Festival!

Flug Rom - Hahn, 23:10

Während Laura, Kaja und Perle mehr oder weniger gemütlich vor sich hinschlummern, hab ich den Wunsch, zwischen Motorengeräuschen, Geschwätz und vor allem den ständigen Werbesprüchen der Crew, zu schlafen, aufgegeben. Wie sich die Idee Tourtagebuch zu schreiben durchsetzen lässt wird sich zeigen, denn Turbulenzen und Kaddas in regelmäßigen Abständen auf meine Schulter rollender Kopf machen es mir nicht ganz so einfach.

Nach dem Abendessen gestern fuhren wir mit Jens wieder zurück zur Superlocation und schauten ziemlich bald Vale, die wir schon im März in Perugia kennen gelernt hatten, beim Gig zu. Trotz erst in geringer Zahl erschienenem Puplikum machte sie ihre Sache gut und überließ die Bühne nach 40 Minuten uns.
Unser Konzert lief, wie bei so einer Location und den gegebenen technischen Vorraussetzungen zu erwarten war, sehr gut und nur mit kleinen Problemen (zum Beispiel, dass die Setlists bei dem vorhandenen Wind immer sehr gerne flüchteten...). Die Perle sammelte sich sehr schnell neue Fans, die ihr aus der ersten Reihe regelmäßig Kusshände zuwarfen, angeblich so, dass nur Laura und ich das beobachten konnten... ?
Schnell wie immer war unsere Zeit abgelaufen und schnell vollführten Yuppie Flu ein geniales 2 Stunden-Konzert, welchem aber nur Teile von Velvet June zuhörten, da Kaja und Kadda es vorzogen nach einiger Zeit in Jens Sonnenzelt einzuschlafen.

Der Abend zog sich so dahin, um ungefähr eins entschlossen wir, ins von allen hochgelobte Hotel gebracht werden zu wollen, was sich schwieriger herausstellte, als es war: Erst wollten wir weg und Jens war am reden. Das selbe dann genau umgekehrt und das Ganze mehrmals. Um viertel vor zwei forderte Kaja Jens sehr direkt dazu auf zu fahren, so dass wir um zwei Uhr in die Betten fielen, welche leider keine Decken hatten. Dass alle uns vom Hotel, das in einem alten Kloster war, vorgeschwärmt hatten, lag vermutlich eher am Gebüde und dessen Architektur, als an der Zimmer ausstattung. In unserem Zustand waren allerdings ordentliche Betten mit Kissen und Decken das einzige, wofür wir noch ein Auge halb aufbekamen, so dass die bestimmt prächtige Art des Hauses und seines Innenhofs völlig an uns vorbei ging. Egal, die Müdigkeit überwältigt auch ohne Decke und wir schliefen alle so schnell wie nie.
Das war auch nötig, da es um viertel vor fünf (in Zahlen: 4:45 Uhr!!!) wieder hieß aufzustehen. Jens wollte uns zum Bahnhof fahren und hatte zur Sicherheit Jappi mitgebracht, dem wir nicht mehr zugetraut hatten, einen Weg zu finden. Nichts destotrotz standen wir nach zehn Minuten mit Tickets in den Händen am Bahnhof und begannen zu frieren!
Ja, da war es wieder: Unser Italienmanko frieren!

Wir fuhren mit diversen Zügen nach Rom, wo wir um halb zehn ankamen. Dort schleppten Kaja und Laura das ganze Gepäck zur Gepäckaufbewahrung, während Kadda und ich mich in Richtung Deutsche Botschaft machten, wo ich einen neuen Pass bekam, der alle damit beruhigte, dass auch die Bassistin Italien wieder verlassen durfte.

Wir genossen den restlichen Tag wie bereits geschrieben auf dem Piazzo Vittorio, machten uns dann noch auf die Suche nach echtem italienischen Eis (Das gab's dann, für 10 schlappe Euro!!!) und liefen zum Hard Rock Cafe. Zu mehr Stadtbesichtigung hätten unsere Kräfte nicht mehr ausgereicht!
Früher als eigentlich geplant fuhren wir mit dem Bus zum Flughafen und umgingen so den deutsch-Stress, der sicherlich wieder beim Beladen und Einsteigen des Busses aufgekommen wäre. Völlig übermüdet sitzen wir jetzt hier im Flieger, wegen Sturmes mit einer halben Stunde Verspätung. Und alle sind diesmal wohl wirklich froh nach Hause zu kommen. Ein Wochenende mit so viel Anstrengungen und Herausforderungen war ein bisschen zu viel...

5.7.2005
17:35, am Schreibtisch, endlich ausgerut und zu Hause!

Der Flieger landete dann doch wohlbehalten (und angenehmer als beim Hinflug) in Hahn, die Sache mit der ebenfalls gestohlenen Parkkarte lies sich sehr schnell und unproblematisch klären und wir konnten den letzten Teil unserer Reise, die Fahrt über Mainz, Frankfurt, Eschborn und für Laura schließlich nach Hofheim antreten. Vermutlich fielen wir alle sofort ins Bett und legten den Schlafrekord neu fest.
Ein wirklich anstrengendes und vor allem sehr teures, aber immer noch schönes Wochenende war vorüber und ein weiterer Meilenstein im Velvet June Jahr 2005 war gepackt...

Laura und Julia

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