18.06.2005 Bern, Reitschule
18. Juni 2005. Ein Samstag. Ein freier Tag. Sehr geeignet zum Ausschlafen, lange im Bett rumliegen oder sonstige gemütliche Zeitvertriebe. Nicht aber für Velvet June: Wir standen nämlich im Durchschnitt um halb sieben auf, um am Bunker unseren Bus zu beladen und um neun damit via Hauptbahnhof (welcher uns eigentlich eine fünfte Mitfahrerin bescheren sollte, die aber der Zuverlässlichkeit der Mitfahrzentraleneigenschaften entsprechend nicht auftauchte) auf die A5 Richtung Basel zu cruisen. Bei wunderbarem Sonnenschein, blauem Himmel und gefühlten 370 Grad im Bus mit momentan kaputter Klimaanlage freuten wir uns auf irgendeine komische Art und Weise auf die Fahrt und das Wochenende. Fenster auf und Fahrtwind rein war das einzige, was half. Laura nutzte das offene Fenster auch gleich um es dem LKW-Fahrern gleichzutun und gemütlich ihren Arm nach draußen zu hängen. Das brachte angenehme Kühlung und nach der Hälfte der Fahrt außerdem ein schickes Streifenbranding! Katha wiederum hatte sich wohl in der Nacht zuvor etwas verlegen, friemelte folglich die halbe Fahrt über an ihrer Schulter herum und siehe da, des Abends wölbte sich eine risige Beule an ihrem Rücken empor. Kajas Massageversuche waren wohl fruchtlos geblieben. Auf halber Strecke sammelten wir nach eingen unerfreulichen Staus Junia in Karlsruhe ein, die sich mit unserer Hilfe weiter nach Basel fortbewegen wollte. Nebenbei verkauften wir ihr eine CD und klauten ihren Namen zugunsten unseres bisher noch namenlos gebliebenen neuen Liedes (jaja, dem Himmel sei Dank! Es gibt ein neues Lied!)
Von der aktuellen und doch sehr erfolgreichen Werbemaschinerie völligst geschädigt, wollten wir uns in der Schweiz zunächst um den Kauf einer Autobahnvignette drücken und versuchten in Basel den Weg zur Landstraße zu finden und über diese nach Bern zu kommen. Aber so geil ist der Geiz dann doch nicht. Vor allem, weil die Schweizer wissen, wie sie mittels Autobahnbeschilderung in grün, Beschilderung der Landstraßen dafür in blau, nichtsahnende deutsche Autofahrer in die Verwirrung treiben können. Nach kurzem Hin und Her, einigen erfolglosen Versuchen eine Vignette zu erwerben ("Leider ausverkauft") und Gerätsel, was nun leichter sei, die richtige Landstraße zu finden oder eine Tankstelle, die in der Lage ist, eine Vignette zu verkaufen, fuhren wir kurzerhand zurück zur Grenze, wo wir in Sachen Vignette schließlich Erfolg hatten. Die Autobahn, nicht schwer zu finden, da sie mitten durch die Stadt führt, brachte uns dann schneller als vermutet nach Bern.
Wir sahen die Reitschule schon bevor wir sie fanden, nahmen sie aber nicht wahr, da der
Vorplatz eher nach einem von Punks belagerten Parkplatz unter einer Eisenbahnbrücke aussah,
was er auch war. Einmal drinnen im Reitschul-Gebäude erkannten wir aber schnell, dass es ein
wahrlich schönes, wenn auch alternatives Plätzchen war: Mehrere Clubs mit Konzerträumen, ein
Restaurant und auch Wohnungen gab es dort. Die vielen Leute auf dem Vorplazu waren die Reste
einer Demonstration gegen die aktuelle Asyl- und Drogenpolitik, die am Mittag stattgefunden
hatte. Was allerdings die aktuelle Asyl- und Drogenpolitik der Schweiz ist, fanden wir nicht
heraus.
Bei unserer ersten Besichtigungstour durch die Räume hatten wir auch den ersten Kontakt mit der
schweizer Bevölkerung - mit einem Lächeln auf unseren Lippen und einem Kichern im Bauch. Diese
Sprache ist einfach zu drollig! Und Laura ist sich immernoch sicher, dass ihre Halsschmerzen
am nächsten Morgen von den zahlreichen Versuchen kamen, diese kratzigen Wörter nachzuahmen, die
ständig um sie herumschwirrten.
Der Konzertraum, in dem wir spielen sollten, war direkt unterm Dach, mit freiliegenden
Dachbalken und sehr viel Holz, einer von innen beleuchteten Theke und alten,
zusammengewürfelten Sesseln und Sofas. Sehr fein und sehr gemütlich!
Nach Aufbau und Soundcheck war noch etwas Zeit bis zum "Nachtessen" und wir bekamen ein paar
Franken in die Hand gedrückt und einen Zettel, auf dem der Weg zur "Brasserie", einem Cafe,
das von allen aber nur kurz "die Brass" genannt wurde, aufgemalt war. Sehr schönes Cafe mit
sehr leckeren Getränken. Leider reichten unsere 13 Franken noch nicht mal für die Hälfte der
Getränke, egal wie oft wir sie umdrehten und zählten – mehr wurden es nicht. Und je länger wir
damit warteten, die Bedienung darauf hinzuweisen, desto weniger konnten wir es... Der Gedanke
einfach wegzurennen machte sich breit, was allerdings durch die Tatsache, dass wir am nächsten
Morgen wieder in der Brass frühstücken sollten, eindeutig unmöglich gemacht wurde. Wir
erkämften uns also nach dem ehrlich gemeinten Versuch, das Bezahlen auf den nächsten Morgen zu
verschieben, die in-Euro-Zahlen-Methode. Alles paletti und vor Hunger darbend ging es zurück
in die Reitschule. Was wir dort bekamen war eine nette Athmosphäre und wirklich gutes Essen,
was sich Katha ordentlich auf Hose und Shirt verteilte. Das führte zu der Überlegung, was sie
denn nun auf der Bühne tragen sollte. Da war sie wieder, die knifflige Frage: "Was zieh ich an,
was koch ich meinem Mann?" Wir lösten sie nicht und begaben uns erst mal, quasi als
Trostpflaster, an die Bar. Dort gab's Honigbier und Bowle und einen Schweizerdeutsch-Kurs von
Seiten der beiden netten Bardamen. Wer hätte gedacht, dass man bei Bijou Brigitte in der
Schweiz nach einer "Chötti" (natürlich auf die erste Silbe betont, also "CHÖtti") verlangen
muss, wenn man sich sein Dekoltee verschönern will. Sollte es einem nach etwas Nikotin
gelüsten, schnorre man übrigens eine "Siggi" (wieder mit Betonung der
ersten Silbe) und sage dann noch brav "Danki" (ihr wisst: die erste Silbe!).
Leider kamen wir nicht mehr in den Genuss eines Fortgeschrittenenkurses, da es erstens für die Damen auch noch andere "Chundschaft" gab und wir zweitens mit dem "Chonzert" beginnen sollten. Wir taten es mehr recht als schlecht, wenn auch die Vorstellung "You stole my "Charpet"" zu spielen, uns ein weing verwirrte.
Trotz des in nur mittelmäßiger Zahl erschienenen Publikums war die Stimmung besser, als bei manch einem gut gefüllten Konzert. Man verlangte nach mehr Zugaben als wir hatten und hätte uns sicherlich alles einfach zweimal spielen lassen. Die netten Bardamen legten sowohl vor, als auch hinter der Theke eine flotte Sohle auf's Parkett und zogen somit ungefähr die Hälfte der Umstehenden mit. Nach dem Ende unserer endgültigen Zugabe zur Zugabe betrieben wir noch ein bisschen gut laufendes Merchandise, tranken mehr Bowle und Honigbier, diskutierten über die Schweiz und Deutschland und versuchten um zwei schlafen zu gehen, was sich für Teile von uns als sehr schwer herausstellte, da im Hof, direkt unter unserem Fenster, die Disko noch in vollem Gange war. Um halb vier gab's dort auch endlich Ruhe. Aber als wir uns am nächsten Morgen um halb neun mit normalem morgendlichen Geräuschpegel ans Aufstehen machten, wurden wir mit freundlichem Gehämmer gegen Decke und Wand dezent dazu aufgefordert leise zu sein. Es waren wohl unsere Nachbarn gewesen, die noch so lange gefeiert hatten. Wir versuchten also möglichst geräuscharm die wirklich gemütliche Wohnung zu verlassen.
Nicht mit der anscheinend sehr weit verbreiteten und ausgeprägten Vorliebe der Schweizer auszuschlafen rechnend, standen wir um halb zehn wieder vor der Brass. Eine halbe Stunde vertrieben wir uns die Zeit mit Plänen und Versuchen, die Besatzung der Brass dazu zu bewegen die offensichtlich laufende Party im Inneren mit uns zu teilen und die Brass früher zu öffnen. Aber nichts zu machen, sie nahmen uns und unsere waghalsigen Versuche über, unter oder durch das Tor zu gelangen überhaupt nicht wahr, was wir aber schnell vergessen und verziehen hatten nachdem wir das schon angerichtete Frühstück gesehen hatten. Es gab ein Büffet mit einer Köstlichkein neben der anderen, an dem man sich einfach bediente. Am Ende des langen Tisches saß eine Frau, die kurz auf unsere Teller starrte, murmelnd die Lippen bewegte und plötzlich mit einem Preis herausschoss. Wer braucht schon so etwas wie Waagen oder festgelegte Preise, wenn man doch auch nach Willkür und spontaner Sympathie für die Kunden gehen kann? Selbiges geschah am Ende mit den Getränkepreisen: Schweizer Art der Preisentscheidung. Wer hat's erfunden?! Ob wir aber im Sympathietest gut oder schlecht abgeschnitten hatten, wussten wir nicht, da wir weder einen Vergleich noch jegliches Einschätzungsvermögen für Schweizer Preise hatten.
Wieder an der Reitschule luden wir recht schnell unser Zeug ein, sammelten Dimitri, der uns bis
Karlsruhe begleiten wollte, ein und starteten Richtung Frankfurt. Diesmal völlig ohne
Verfahren, den Weg Suchen und auch nur mit einem einzigen kurzen Stau. Nach knapp sechs Stunden
Fahrt (natürlich wieder im heißen Sonnenschein, unter blauem Himmel und mit gefühlen 370 Grad
im Bus) landeten wir völlig übermüdet und geschafft, aber glücklich in Frankfurt.
Warum man das alles macht, nur um circa eine Stunde auf einer Bühne zu stehen, mag sich so
manch einer fragen. Wir wissen's. Und nach ein paar Auftritten in Frankfurt kommt das ja
gleich nochmal auf uns zu: Viva Italia! Aber (zum Glück?) ohne Auto...